Vorteile für Täter

Straftäter werden ermutigt, am RJ-Treffen teilzunehmen, wo sie die Geschichten der Opfer anhören, ihre eigenen Geschichten erzählen und ihre Gefühle ausdrücken können, sowie ihre Verantwortung anerkennen und sich an der Entwicklung reparativer Vereinbarungen beteiligen. Die Möglichkeit, ihre Geschichte zu teilen, ist von entscheidender Bedeutung, um dem Geschehenen Sinn zu verleihen. Dies hilft um das Geschehene der Tat zu verarbeiten, wie auch das, was in ihrem Leben geschehen ist. Auf der einen Seite müssen sie die Schmerzen anerkennen, die sie anderen angetan haben, aber gleichzeitig auch die Dinge anerkennen, welche sie in der Vergangenheit verletzt hatten (Zehr, 2003).

Die meisten Täter wurden oft schon im Kindes- und Jugendalter selber Opfer von Gewalt und oft ist ihre eigene Gewalt ein Ausdruck dieser erfahrenen Gewalt und der daraus resultierenden traumatischen Erfahrungen (Fattah, 1994).

Gefühle von Scham und Schmerz können zu Verhaltensstörungen führen (Gilligan, 1996), wenn das zugrunde liegende Trauma nicht adäquat behandelt wird (Zehr 2003).

So können restaurative Ansätze Straftätern helfen, ihren eigenen Heilungsprozess zu beginnen, damit einen Sinn für das Geschehen schaffen und ihre Lebensgeschichten in "Geschichten aus Würde und Mut" zu verwandeln, wenn sie sich der Vergangenheit stellen und auf eine veränderte Zukunft hinarbeiten (Zehr, 2003). Im Gegensatz dazu kann die traditionelle Vergeltungsjustiz und Strafe dazu führen, dass sich die Täter als Opfer des Staates sehen. Aus dieser Sicht heraus sehen sie es dann als gerechtfertigt an die, welche sie zum Opfer gemacht haben, auch wieder zu strafen (Fattah, 1994). Dies führt zu einem Teufelskreis.

Ziel der restaurativen Justizansätze sollte es immer sein, auf Integration und Reintegration hinzuwirken und den Tätern die Möglichkeit geben, wieder Teil der Gesellschaft zu werden - oder vielleicht erstmals Teil der Gesellschaft zu werden (Van Ness, 1986). Dies bietet Tätern auch die Möglichkeit zu beweisen, dass sie als positive Mitglieder der Gesellschaft dienen können. Ziel ist die Transformation ihrer Lebensgeschichten um somit Türen für eine neue, konstruktive Zukunft zu öffnen. Dieser Prozess hilft Straftätern "kriminelle Subkulturen und damit verbundenene Etikettierungsprozesse (labelling processes) zu vermeiden" (Braithwhaite, 1998).

Je nach Land und gewähltem Ansatz, können vor allem Jugendliche, aber auch Erwachsene, die Möglichkeit haben, Menschen zu wählen, welche sie in diesem Prozess unterstützen. Dies kann Familienmitglieder, Freunde, Lehrer, soziale Dienste, usw. einschliessen. Straftäter erhalten so verschiedenen Arten von Unterstützung, welche ihnen helfen, aus alten Mustern auszubrechen und neue Wege zu finden um mit Schwierigkeiten umzugehen.

Diese restaurativen Ansätze lehren den Straftätern viele soziale Fähigkeiten. Sie lernen, empathisch zuzuhören, ihre eigene Geschichte mitzuteilen und sich ihrer eigenen Gefühle und der Anderer bewusst zu werden. Auch lernen sie den Schaden anzuerkennen, welchen sie ausgelöst und teils selber auch erlebt haben, und erfahren was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und Wiedergutmachung zu leisten.

Teil dieses Prozesses ist es auch den angeborenen Wert und die Würde der Täter als Mensch zu bestätigen. Dies kann eine sehr therapeutische Wirkung haben, da aus Verletzungen der Würde, Mangel an Respekt und fehlender ontologischer Sicherheit viel Gewalt hervorgeht. In restaurativen Prozessen müssen sich Täter den Respekt nicht verdienen, sondern die Prozesse basieren auf Werten, die dafür sorgen, dass jeder Teilnehmer mit Wertschätzung, Respekt und Würde behandelt wird.

RJ-Programme, die innerhalb des Strafrechtssystems funktionieren, sind oft eingeschränkter in ihrem Umfang und weniger ganzheitlich in ihrem Ansatz. Oft konzentrieren sie sich hauptsächlich auf den Täter, der nach begangener Straftat Wiedergutmachung vornimmt. Je nach Ansatz kann es daher sein, dass ein solches Programm nicht die volle Beteiligung aller Betroffenen und auch nicht die erforderlichen Schwerpunkte von Heilung und Wiedereingliederung beinhaltet.

In Bezug auf Rückfälligkeit und Kriminalität weisen Robinson und Shapland (2008) darauf hin, dass RJ-Prozesse eine intrinsische Motivation in Straftätern fördern können um von kriminellem Verhalten abzusehen. Das bedeutet, dass sie eine persönliche Entscheidung treffen, sich von der Kriminalität abzuwenden, was zu einer Verringerung der Rückfallrate und damit zu einer Reduktion von Verbrechen führt. Viele Täter entscheiden sich an einer RJ Begegnung teilnehmen, weil sie dies als eine Möglichkeit sehen Unterstützung zu erhalten in ihrer Entscheidung, von Verbrechen abzusehen. Die Möglichkeit, ihre Gefühle von Scham und Schuld auszudrücken, kann in diesem Prozess bedeutungsvoller sein, als von anderen beschämt und angeklagt zu werden. Ferner ist es von grundlegender Bedeutung, angemessene Mittel für die Wiedereingliederung - sowie die Möglichkeit zur Entwicklung von Sozial- und Humankompetenzen - zur Verfügung zu stellen, um diesen Prozess der Veränderung zu unterstützen.