RJ im traditionellen System

Es gibt viele Diskussionen darüber, wo RJ reinpasst. Einige sehen RJ als eine Erweiterung der Kriminaljustiz. Andere betonen, dass RJ eine Lebensphilosophie ist, die niemals vom Strafjustizsystem vereinnahmt und beeinflusst werden darf, sondern vor allem proaktiv, und weniger reaktiv, wirken sollte, wie unter „Praktische Umsetzung“ erwähnt.

Es ist sicher keine leichte Diskussion und es gibt kaum endgültige Antworten auf diese grundlegenden Fragen. Die Gefahr ist, dass die Restaurative Justiz ihre Werte und ideologischen Grundlagen verliert, wenn sie in das Strafrechtssystem einbezogen wird, da der Staat die Macht hat, seine eigene Agenda zu aufzudrängen. Dies kann dazu führen, dass die Restaurative Justiz Teil einer strafenden Agenda wird, anstelle einer treibenden Kraft, die versucht, das Strafrechtssystem von innen zu verwandeln. Sie verpasst damit ihr Ziel, eine heilsamere Form der Justiz zu bieten (Levrant et al., 1999).

Das herkömmliche Justizsystem versucht Menschen durch Vergeltung (Strafe) daran zu hindern, Verbrechen zu begehen, oder sucht gar Mittel, sie handlungsunfähig zu machen. Diese von aussen auferlegten Sanktionen haben zum Ziel, Schmerzen zuzufügen, um so Menschen davon abzuhalten, Verbrechen zu begehen. Doch, unter Berücksichtigung der hohen Rückfallquoten bleibt die Frage, wie realistisch es ist dieses Ziel durch genannte Methoden zu erreichen.

Die Restaurative Justiz dagegen versucht die innere Motivation eines Täters, nicht mehr rückfällig zu werden, zu fördern. Dadurch, dass Straftäter ihre Opfer, oder auch Opfer ähnlicher Verbrechen kennen lernen, deren Geschichten hören und zu verstehen beginnen, was für Auswirkungen ihre Taten und die Kriminalität auf Einzelpersonen hatten und was für Schmerzen dadurch verursacht wurden, werden sie herausgefordert, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Ein solcher Prozess fördert das Aufkeimen einer inneren Motivation, welche den Tätern hilft, von künftigen Straftaten abzusehen.

Daher stellt schon nur die Art, wie Menschen abgeschreckt werden sollen Straftaten zu begehen, einen Gegensatz zwischen der herkömmlichen Justiz und der Restaurativen Justiz dar, der nicht leicht vereinbart werden kann.

Dem besonderen Kontext, in welchem die restaurative Justiz innerhalb des Strafjustizsystems dient, muss daher viel Aufmerksamkeit geschenkt werden, um eine Kooption durch die herkömmliche Strafjustiz zu verhindern. Wahrscheinlich gibt es keine universellen Antworten darauf, wie dies erreicht werden kann. Sensibilität gegenüber den Beteiligten ist gefordert, wie auch ein klares, Wert-basiertes Fundament und konkret definierte Ziele, die vermeiden helfen, den wahren Zweck der restaurativen Philosophie aus den Augen zu verlieren. Darüber hinaus ist es wichtig, die restaurative Justiz so früh wie möglich in unsere gesellschaftlichen Prozesse und Institutionen einfliessen zu lassen, da die restaurative Justiz eine Philosophie des Lebens und der Gerechtigkeit ist und nicht eine Philosophie der Bestrafung. Eine ihrer Stärken ist es, gesunde und starke Beziehungen und Gemeinschaften aufzubauen, neue Wege zu finden, mit Konflikten umzugehen und zerstörerische Konflikte zu verhindern.