Kriminaljustiz und Restaurative Justiz

Es gibt entscheidende Unterschiede zwischen der Restaurativen Justiz und der Straf- oder Kriminaljustiz. Die beiden Justizformen stellen zwei sehr unterschiedliche Paradigmen in Bezug auf ihr Verständnis von Verbrechen dar, wie auch dessen, wer die beteiligten Akteure sein sollten und was der Zweck oder das Ziel des Prozesses ist. In Bezug auf die Restaurative Justiz schreibt Van Ness (1997, S.10):

dass RJ Kriminalität primär als Verletzung (anstatt als Gesetzesbruch) betrachtet und Heilung zum Ziel hat (nicht Strafe allein). Die Restaurative Justiz unterstreicht die Verantwortlichkeit der Täter ihre Handlungen zu ändern, und konzentriert sich auf die Bereitstellung von Hilfe- und Dienstleistungen für die Opfer. Das Ziel ist die erfolgreiche Wiedereingliederung von Opfern und Tätern als produktive Mitglieder sicherer Gemeinschaften.

Heilung wird von RJ als ein umfassendes Konzept betrachtet, das Heilung von Trauma beinhalten kann, aber auch die Wiederherstellung der sozialen Bindungen und die Wiedergutmachung von gebrochenen Beziehungen.

Das Verständnis von Verbrechen

Wie bereits erwähnt gilt für die Kriminal- oder Strafjustiz ein Verbrechen als Verletzung von Gesetzen oder Regeln, bei denen die Schuld bestimmt und dem Schuldigen die entsprechende Strafe zugewiesen wird. Im Gegensatz dazu sieht RJ Verbrechen als

"eine Verletzung von Menschen und Beziehungen. Diese Sicht schafft die Verpflichtung, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. RJ involviert die Opfer, den Täter und die Gemeinschaft bei der Suche nach Lösungen, welche die Restauration, Versöhnung und Bestärkung fördern "(Zehr, 1990, S.181).

Dieses Verständnis, Verbrechen als Schaden oder Verletzung von Menschen und Beziehungen zu sehen, erfordert eine umfassendere Antwort - eine Antwort, die in der Lage sein sollte, diese gebrochenen Beziehungen zu reparieren und den Schaden zu heilen.

Unterschiedliche Fragestellungen

Die leitenden Fragestellungen der beiden Justizprozesse unterscheiden sich erheblich.

Die Strafjustiz fragt:
Wurde ein Verbrechen begangen (oder eine Regel gebrochen)?
Wer hat es getan (wer ist die schuldige Person)?
Was verdienen diese Personen (in Bezug auf Strafe)?
Die Restaurative Justiz fragt:
Was ist der Schaden und wer wurde davon betroffen?
Was sind die Bedürfnisse der Betroffenen?
Wessen Verpflichtung ist es diese Bedürfnisse zu stillen?

(Zehr, 2002, S.20)

Die von RJ gestellten Fragen führen zu einem völlig anderen Umgang mit Konfliktsituationen und gelten zudem nicht nur für die von den Opfern erlittenen Schäden, sondern es wird auch versucht auch auf die Kernthemen der Täter und deren Bedürfnisse einzugehen.

Drei Schlüsselteilnehmer: Opfer, Straftäter und Gemeinschaft

Mit den Fragen "Wer wurde geschädigt?" und "Wie sind diese Personen davon betroffen?" richtet RJ die direkt Beteiligten in den Mittelpunkt des Prozesses. Auf diese Weise werden die am unmittelbarsten vom Verbrechen betroffenen Menschen ermutigt, sich aktiv am Justizprozess zu beteiligen.